Der Berliner Süden im Ruderfieber: Das Neuköllner Ruderfestival 2009
Jan1Erstellt von:
Saturday, January 01, 2011 9:05 PM 
„Neukölln ist weit mehr als das, was in den Medien allgemein berichtet wird“, brachte es Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky auf den Punkt. Als Gast des freitäglichen Abendempfangs im Alt-Berliner Gasthaus Zenner hob er vor allem die sportlich-kulturelle Vielfalt des Berliner Traditionsbezirks hervor, in dem sich die Rudergesellschaft Wiking mit ihrem Vereinsdomizil am Britzer Hafen bereits seit rund 60 Jahren pudelwohl fühlt. Mit dem Neuköllner Schifffahrtskanal, dem Teltowkanal und dem Britzer Zweigkanal verfügen die Wikinger auch jenseits der bekannten Berliner Seen und Flüsse über ein attraktives Ruderrevier, das zu Trainings- und Wanderfahrten in alle Himmelsrichtungen einlädt.
Das Konzept: Renn- und Wanderrudern unter einem Dach
„Wir könnten doch mal…“, dachte sich zu Beginn des neuen Jahrtausends daher eine Handvoll Wikinger. Die Idee des Neuköllner Ruderfestivals, das Leistungs- und Breitensport zum Abschluss der jährlichen Rudersaison miteinander verbindet, wurde geboren. Seither bildet das ehrenamtliche Engagement von über 90 fleißigen Helfern das Rückgrat, mit dem die RG Wiking ihr Konzept erfolgreich in die Praxis umsetzt. Regattaleiter Jörg Spiegel unterstreicht: „Von der Langstreckenregatta um die ‚Silbernen Riemen von Berlin’ über die Preissprints vor dem Wiking-Bootshaus, den Vierer-Entscheid der Handicaps und den Kids-Cup der Nachwuchsruderer bis zur traditionellen Wiking-Sternfahrt umfasst das Neuköllner Ruderfestival ein abwechslungsreiches Programm, das die gesamte Bandbreite des Rudersports widerspiegelt.“
Die Wiking-Sternfahrt
Undenkbar wäre das Neuköllner Ruderfestival ohne das Treffen der Sternfahrer, das bereits seit über 40 Jahren einen festen Platz im Berliner Ruderkalender einnimmt. Der Vereinsvorsitzende Matthias Herrmann erinnert sich: „Bereits zur Zeit des Kalten Krieges war es immer etwas ganz besonderes, quer durch die Kanäle und Schleusen der Innenstadt zum östlichsten Rand des Westteils der Stadt zu rudern. Unvergessen sind die Emotionen des Jahres 1990, als Ruderer aus Ost und West zu uns kamen, um im Schatten der verfallenden Grenzanlagen gemeinsam auf die Wiedervereinigung unserer Stadt, unseres Landes und unseres Kontinents anzustoßen.“ Auch 2009 konnte Hans-Jürgen „Alti“ Altmann insgesamt 112 Einer, Zweier, Vierer und Achter an den beiden Wiking-Steganlagen begrüßen. Mit der Trophäe für die größte Delegation wurde der Märkische Ruderverein belohnt, der das Delfter Ufer in diesem Jahr mit über 40 Teilnehmern ansteuerte. Gleichzeitig unterstrichen die vielen überregionalen Gäste - darunter der über 20-köpfige Sternfahrt-Kader des Hamburger und Germania Ruder Clubs - die besondere Ausstrahlung, mit der das Neuköllner Herbstevent auch zum 20. Jubiläum des Berliner Mauerfalls Mannschaften aus Nord, Süd, Ost und West anzog.
Tradition verpflichtet: Die Silbernen Riemen von Berlin
Auch in der Disziplin des Rennrudersports folgt die RG Wiking beim Neuköllner Ruderfestival einer langjährigen Tradition, die bereits vor über 110 Jahren ihren Anfang nahm. 1893 traten die Vierer des Union-Ruder-Clubs – der direkte Vorläufer der RG Wiking - und des Cöpenicker Ruder-Clubs erstmals auf der Spree gegeneinander an, um im direkten Zweikampf den Gewinner der „Silbernen Riemen“ zu ermitteln. Nachdem das Rennen in der Folge des Ersten Weltkriegs in Vergessenheit geriet, erfolgte im Jahr 2003 die Neuauflage. Seither stellen sich Jahr für Jahr rund 30 Frauen-Doppelvierer und Männer-Achter aus ganz Berlin-Brandenburg, Deutschland und Europa dem Starter, um zwischen dem Gasthaus Zenner am Treptower Park und dem Wiking-Bootshaus am Britzer Hafen ihre Kräfte zu messen. Im vergangenen Jahr gab es hier kein Vorbeikommen an dem starken Achter des Berliner Ruder-Clubs rund um die Vize-Weltmeister Jonas Schützeberg und Olaf Beckmann, der die Teams aus Lübeck, Amsterdam und Bydgoszcz mit über 20 Sekunden Vorsprung hinter sich ließ. Für die geschlagene Konkurrenz war die Motivation daher groß, den Spieß auf der 6,4 Kilometer langen Strecke über die Spree und den Britzer Zweigkanal bei der 2009’er Auflage umzudrehen. Gesagt, getan: Mit der simplen Taktik „We will just row faster than the others“ gelang es der ersten Mannschaft von Skøll Amsterdam unter großem Jubel der gesamten Delegation, die „Silbernen Riemen“ in die niederländische Hauptstadt zu holen. Mit knapp 12 Sekunden Rückstand ging die Silbermedaille an den polnischen Achter von Lotto-Bydgostia, gefolgt von der Heimmannschaft der RG Wiking, dem Lübecker Achter und dem BRC. Die Damenwertung sicherten sich Lisa Rabes, Susanne Borg, Samila Kreutzjans und Nadine Möller vom Potsdamer Ruderclub Germania souverän vor der jungen Nachwuchsmannschaft aus Bydgoszcz.
Kampf um Millimeter: Die Preissprints
Bei den anschließenden Preissprints, für die sich die schnellsten Vierer- und Achter-Mannschaften über einen 250-Meter-Zwischensprint während der Langstrecke qualifizieren, schlug dann die Stunde der Lübecker Rudergesellschaft von 1885. Erst nach fünf Wertungsläufen musste sich das Team aus dem hohen Norden unter dem Applaus der zahlreichen Zuschauer am Ufer dem K.o.-System beugen, das von den Athleten in den Nachmittagsstunden nochmals höchste Konzentration verlangt.
Gemeinsam feiern
Spätestens die Siegerehrungen läuteten dann gegen 17 Uhr den gesellschaftlichen Teil des Festivals ein. Bis in die späten Abendstunden feierten die Fraktionen des Wander- und Rennruderns bei reichlich Speis und Trank gemeinsam den Ausklang der Rudersaison 2009, bevor sich die wind- und wettererprobten Sternfahrer bereits am Sonntagmorgen wieder auf den Weg nach Neukölln machten, um ihre Boote für den Rückweg zu Wasser zu lassen. Auch Arnim Nethe, beim DRV ebenso wie beim LRV Berlin für den Wanderrudersport verantwortlich, ließ es sich nicht nehmen, die Skulls selbst in die Hand zu nehmen. Sein Fazit: „Es war eine Spitzenveranstaltung, die uns wieder viel Spaß und Freude bereit hat. 2010 sind wir garantiert wieder mit dabei.“
Thorsten Kohlisch